• 31/07/2013

    Das Selbermachen-Syndrom. Lust und Leid von Agenturinhabern

     

    Selbermachen-Syndrom2

     

    Dieser unwiderstehliche Drang

    Kennen Sie den auch? Den Drang einzugreifen, es selber zu machen. Da werden Projektleiter befragt, Konzepte überarbeitet, Kunden angerufen,Headlines überarbeitet, Angebote kontrolliert, am Wochenende Präsentationen optimiert, Entscheidungen getroffen. Ganz abgesehen von der tatsächlichen oder vermeintlichen Notwendigkeit hat dieses Einmischen eine fatale Wirkung. Zurück bleiben verunsicherte, demotivierte, orientierungslose Mitarbeiter. Was gilt denn nun? Selbständig arbeiten oder doch nur Zuarbeiter sein? Warum sich besonders anstrengen, wenn die Ergebnisse bezweifelt, verworfen, überarbeitet werden? Dann reicht auch eine 70% Lösung. Bloß nicht zu viele neue Ideen vorschlagen, da sie kassiert werden. Außerdem ist häufiges Nachfragen zur eigenen Sicherheit besser, als dem Kunden eigenverantwortlich etwas zu schicken und anschließend Gefahr laufen einen Rüffel zu bekommen. Und für den Chef bestätigt sich die mangelhafte Qualität und Verlässlichkeit des Mitarbeiters.

     

    Ich habe den Eindruck, seit zwei Jahren werde ich wieder häufiger mit Aussagen von Agenturinhabern konfrontiert wie  „Wir müssen uns wieder mehr um laufende Projekte kümmern – Die Kunden verlangen nach uns – Aufgrund der komplexeren Anforderungen sind wir persönlich gefordert – Die Qualität stimmt nicht – Die Kosten laufen uns davon – Nach meinem Urlaub musste ich mich um diverse Problemfälle kümmern.“

     

    Unter diesem Selbermachen-Syndrom leiden Agenturinhaber. Viele blühen aber auf. Gehört das Selbermachen doch zu ihrem Verständnis und zum Wesen einer Inhaberagentur. Unterschwellig und nicht offen angesprochen scheint bei den Betroffenen der Kick für das eigene Ego eine nicht zu unterschätzende Triebfeder zu sein. Der Ruf nach dem Alleskönner, dem Retter, dem Hero scheint verlockend zu sein, trotz postheroischer Zeiten.

    Erscheinungsformen des Selbermachen-Syndroms

    Der bekennende Selbermacher. Ohne ihn läuft wenig oder gar nichts in der Agentur. Er sieht darin ein wesentliches Positionierungsmerkmal seiner Agentur. Er will diesen Zustand natürlich nicht verändern.

    Der gebremste Selbermacher, der seinen unbändigen Trieb aus rationalen Gründen weitgehend im Griff hat. Mitarbeitern und Teams hat er viel Aufgaben und Verantwortung übertragen. Er hält sich zurück, wenn nicht gerade seine Emotionen mit ihm durchgehen oder er sich aus anderen zwingenden Gründen genötigt fühlt einzugreifen.

    Die schwierigste – weil schwer zu diagnostizierende – Erscheinungsform ist der verkappte Selbermacher. Er erklärt wortreich und anhand von Organigrammen, dass er sich ja aus allen wichtigen Themen und Entscheidungen raushält. Aber gleichzeitig kommt niemand in der Agentur an ihm und seiner Meinung vorbei. Man erkennt diesen Grad des Syndroms indirekt daran,  dass er oft ein schlechtes Gewissen bei den Beteiligten weckt, Minderwertigkeitsgefühle hervorruft, Unsicherheit verbreitet.

    Der verunsicherte Selbermacher. Er spürt, dass er loslassen muss und eigentlich auch will, da er seine Arbeitskraft sinnvoller einsetzen möchte. Ihm fehlt oft der Mut loszulassen, da er trotzdem alles im Griff haben will. Vertrauen haben, Fehler zulassen, Lösungswege der Mitarbeiter akzeptieren fällt ihm schwer. Und so entstehen Unsicherheit und ein schlechtes Gewissen.

    Der ehemalige Selbermacher hat seine neue Rolle als Agenturführer gefunden. Er hat Vertrauen, lässt los und die Mitarbeiter laufen.  Er vertritt die Agentur nach außen. Geht zu Schlüsselkunden mit. Genießt es von den Mitarbeitern bei anspruchsvollen Themen einbezogen zu werden. Kümmert sich um strategische Themen. Kokettiert mit seinem „Nichtstun“

    Klagen über Engpässe, extreme Belastungen, fehlende Zeit für „Ach-so-wichtige-Dinge“ gehören zum Erscheinungsbild des Syndroms.

    Zeit für lohnendere Dinge

    Natürlich überrascht mich das Selbermachen nicht. Es ist gelebte Praxis und als Agenturgründer geht es auch nicht ohne. Allerdings irritiert mich, wie oft Agenturinhaber über Ursachen, Auswirkungen und angebliche Ausweglosigkeit klagen. Ein Beispiel ist der Hinweis auf die mangelhafte Qualität und das fehlende Engagement von Mitarbeitern. Wer stellt die unqualifizierten Mitarbeiter ein? Wer hat ihr Training versäumt? Vielfach fehlen der Wille und die Fähigkeit, Mitarbeiter gezielt zu entwickeln und  angemessen zu führen.

     

    Es lohnt sich das Selbermachen-Syndrom in den Griff zu bekommen, sich von besonders unangenehmen Nebenwirkungen zu befreien und die gewonnene Freiheit für lohnendere Dinge einzusetzen. Aus zahlreichen Beispielen weiß ich, wie das funktionieren kann und wie befreiend das ist. Drei Handlungsfelder und ein paar vorbereitende Fragen dazu.

    Handlungsfelder Rolle, Führung, Entwicklung

    Rolle:

    In welcher Funktion sind Sie für Ihre Agentur besonders wertvoll? Wofür würden Sie Ihre Kollegen/innen einkaufen und Ihnen ein stattliches Gehalt zahlen? Was müssen und was wollen Sie unbedingt selber machen? Wer könnte welche Aufgeben von Ihnen übernehmen?

    Führung:

    Welches Führungsverständnis bzw. konkretes Führungsverhalten wirkt sich auf Ihre Mitarbeiter förderlich bzw. hemmend aus? Was sollten Sie tun bzw. lassen, um Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein der Mitarbeiter zu fördern?

    Personalentwicklung:

    Welches zusätzliche Know-how und welche Fähigkeiten benötigen Sie an welcher Stelle in der Agentur? Können Sie diese intern aufbauen? Wie wollen Sie die zusätzliche Qualifikation vermitteln? Was fehlt, damit Sie ein attraktiver Arbeitgeber werden?

    Ein großes Hindernis vor dem Loslassen begegnet mir immer wieder: fehlendes Vertrauen in die Kompetenz und Entwicklung der Mitarbeiter. Wie ausgeprägt ist Ihr Vertrauen? Denken Sie daran, Vertrauen verringert Komplexität und spart Kosten.

     

    Zur Abrundung ein Bild aus dem Fußball. Bayern und Dortmund. Guardiola und Klopp. Beide Trainer sind bestimmt keine Selbermacher. Sie stellen eine Mannschaft zusammen, trainieren sie, geben Aufstellung und Taktik vor, coachen. Spielen werden sie nicht. Spielertrainer gibt es in der Kreisklasse, nicht in der Bundesliga und Champions League. Wäre eine vergleichbare Rolle für Sie attraktiv? Alternativen wären auch Präsident oder Sportvorstand. Wie sieht ein starkes Bild Ihrer Rolle aus?.

    Zwei Bücher

    Detlef Lohmann: Und mittags geh ich heim. Die völlig andere Art, ein Unternehmen zum Erfolg zu führen

    Niels Pfläging: Die 12 neuen Gesetze der Führung. Der Kodex: Warum Management verzichtbar ist

     

    Kommentieren Sie diesen Beitrag

    Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.