• 06/01/2016

    Schnell ist das neue Besser. Was Agenturen im Silicon Valley lernen

    Gastautor Michael Frank, Vorstand Die Crew

     

    michaelfrank

    Ende November 2015 hatte ich die Chance, eine Woche mit dem GWA Gesamtverband der Kommunikationsagenturen Deutschlands ins Silicon Valley zu reisen, um einige der großen Player der Digitalbranche zu besuchen: Google, YouTube, twitter und facebook. In einer Reihe wirklich exzellenter Vorträge wurden die Möglichkeiten innovativer Markenkommunikation auf den jeweiligen Plattformen sowie aktuelle Entwicklungen und die Technologien von morgen und übermorgen thematisiert. Inspirierender und spannender kann sich ein Jahr kaum dem Ende neigen.

    Ein Thema hat sich wie ein roter Faden durch fast alle Vorträge gezogen: die unglaubliche Geschwindigkeit, mit der wir heutzutage unser Geschäft betreiben müssen und können. Ein altes Sprichwort sagt: „Gut Ding will Weile haben“. Ergo – wenn ich mir für etwas so richtig viel Zeit nehme, dann wird es besonders gut. Klingt auch logisch. Gute Kreation braucht eben Zeit. Aber stimmt das wirklich? Und können wir uns diese Haltung überhaupt noch leisten?

    Spätestens nach meiner Woche im Silicon Valley weiß ich, es ist eine Bequemlichkeitsfloskel. Ein Satz, der es einem leicht macht, einfach so weiter zu machen. Im Silicon Valley ist Geschwindigkeit keine Begleiterscheinung der Geschäftsmodelle. Sie ist Anforderung Nummer eins im Kampf gegen die Wettbewerber und um die Investorengelder. Und deshalb elementarer Bestandteil jedes Geschäftsmodells.

    Und was können wir als Agenturen davon lernen? Zuerst einmal, dass vieles wirklich auch schneller geht. Und trotzdem genau so gut oder vielleicht sogar besser. Aber nicht durch noch mehr Überstunden und noch weniger Zeit pro Aufgabe. Sondern durch die Bereitschaft, lieb gewonnene und eingefahrene Arbeitsweisen radikal zu ändern und neue Methoden konsequent zu leben.

    Meine zentrale und vielleicht banale Erkenntnis: die Kombination aus höherer Geschwindigkeit und besseren Ergebnissen entsteht durch eine „brutale“ Feedback-Kultur. Die Tech-Firmen im Silicon Valley befinden sich in einer dauernden Feedbackschleife. Feedback von Kollegen. Feedback von Partnerfirmen. Feedback von Investoren. Und vor allem: Feedback von den Usern. Denn die entscheiden, was gut ist und was nicht.

    Dieses Feedback „passiert“ jeden Tag, jede Stunde. Warum? Weil jeder Schritt, mag er auch noch so klein sein, auch ein falscher sein könnte, den es zu vermeiden gilt. Denn Fehltritte kosten Zeit (und Geld). Im Kern lässt sich diese Feedback-Kultur in vier Punkte gliedern, die vielleicht nicht überraschend klingen aber konsequent gelebt zu einer Highspeed-Organisation führen:

    1. Pragmatisch machen

    Entwickelt schnell Prototypen. Roughe Layouts, gute Scribbles, die ersten Headlines, schnelle Clickdummies, grobe Filmschnitte. Nicht perfekt. Nur nachvollziehbar. Denkt in extremen Varianten, die gegeneinander getestet werden können. Riskiert, dass auch mal völliger Quatsch dabei ist. Konzentriert Euch dabei auf das Wesentliche, auf die Kernaufgabe, das Kernmedium, das zentrale Problem. Alles andere kann warten.

    2. Einfach testen

    Testet Eure Prototypen sofort, nicht das Endprodukt. Befragt Eure Kollegen im Team. Befragt die Agentur. Nehmt das Zeug mit nach Hause, zeigt es Freunden. Besprecht es direkt mit Kunden. Nicht erst bei der nächsten Präsentation. Testet mit Adwords auf Google, Posts auf facebook und Tweets bei Twitter was funktioniert und was nicht. Und vor allem: nehmt alles an, was zurückkommt. Kein Feedback ist Kritik. Jedes Feedback ist eine Chance.

    3. Rücksichtslos ändern

    Seid keine Diven und immer bereit, alles über den Haufen zu werfen, wenn es auch noch so weh tut. Niemand liegt immer und sofort aus dem Gefühl heraus richtig. Überlegt, welche Chancen im Feedback stecken und wie es in Eure Ideen einfließen kann. Oder sogar zu neuen Ideen führt. Denn jeder Misserfolg ist die Basis einer besseren Idee.

    4. Zigfach wiederholen

    Der eigentliche Unterschied: Macht das nicht nur einmal. Macht es ständig. Fangt an, jedes Feedback zu lieben, denn es macht Euch besser. Fragt, hört zu, verändert und beginnt wieder von vorne. Testet in kleinen Schritten, denn da tun die großen Veränderungen nicht so sehr weh, wie wenn das gesamte Konzept in Frage gestellt wird.

     

    Letztlich ist keiner dieser Punkte überraschend oder grundsätzlich neu. Wirklich erstaunlich ist, in welcher Konsequenz die Tech-Unternehmen diese Prozesse leben. Wie sie ohne zu zögern Ideen abschießen, Prototypen wegwerfen, weil sie gelernt haben, dass es anders besser geht. Nur so schaffen sie es, in Höchstgeschwindigkeit relevante Lösungen zu entwickeln, die eine Chance auf weltweiten Erfolg haben.

    Vielleicht sollte es in Zukunft besser heißen: „Gut Ding soll Eile haben“.

     

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    • Volker Lässing 06/01/2016 · Antworten

      Frank hat Recht und spricht mir aus dem Herzen. Das heißt aber auch nicht aufzuhören unbequem zu sein bei denjenigen, die sich auch gerne hinter jeder noch so kleinen Aufgabe verstecken um ja nicht an den großen Aufgaben gemessen zu werden. Alleine schaffst du das in der Agentur nicht. Es muss ein Umdenken im ganzen Team stattfinden. Aber es fängt bei uns Führungskräften an. Klare Ansage,klares Feedback und auch selbst offen für Anregungen aus dem Team.